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Dieses Werk ist eine Übersetzung aus dem Englischen.

Android und die Freiheit der Nutzer

von Richard Stallman
Erstveröffentlichung des englischsprachigen Artikels unter „Is Android really free software?“, The Guardian (2011).

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Inwieweit respektiert Android die Freiheit seiner Nutzer? Für einen Rechnernutzer, der die Werte der Freiheit schätzt, ist das die wichtigste über ein Softwaresystem zu stellende Frage.

In der Freie-Software-Bewegung entwickeln wir Software, die die Freiheit der Nutzer respektiert, damit wir und Sie der Software entgehen können, die das nicht tut. Im Gegensatz dazu konzentriert sich die Idee von „Open Source“ auf die Entwicklung von Quellcode; es ist eine andere Denkrichtung, deren hauptsächlicher Wert eher die Qualität des Quellcodes statt Freiheit ist. So geht es hier nicht darum ob Android „offen“ ist, sondern ob es Nutzern ermöglicht frei zu sein.

Android ist in erster Linie ein Betriebssystem für Smartphones, welches Linux (Torvalds’ Betriebssystemkern), einige Bibliotheken, eine Java-Plattform und einige Anwendungen umfasst. Abgesehen von Linux wurde die Software der Android-Versionen 1 und 2 vor allem von Google entwickelt und unter der Apache 2.0-Lizenz freigegeben, eine laxe freie Softwarelizenz ohne Copyleft.

Die in Android enthaltende Linux-Version ist nicht vollständig freie Software, da es unfreie binäre BLOBs enthält (wie Torvalds’ Linux), von denen einige in Android-Geräten tatsächlich genutzt werden. Android-Plattformen nutzen auch andere unfreie Firmware und Bibliotheken. Abgesehen davon ist der von Google freigegebene Quellcode von Android in den Versionen 1 und 2 freie Software ‑ aber dieser Quellcode ist nicht ausreichend, damit das Gerät lauffähig ist. Einige der in Android enthaltenden Anwendungen sind im Allgemeinen ebenfalls unfrei.

Android unterscheidet sich stark vom GNU/Linux-Betriebssystem, weil es sehr wenig von GNU enthält. Tatsächlich ist so ziemlich die einzige gemeinsame Komponente zwischen Android und GNU/Linux der Betriebssystemkern Linux. Menschen, die irrtümlicherweise denken, „Linux“ würde sich auf die gesamte Kombination von GNU/Linux beziehen, verheddern sich durch diese Tatsache und machen paradoxe Aussagen wie: ‚Android enthält Linux, aber es ist nicht Linux.‘ Dieses Durcheinander kann ganz einfach vermieden werden: ‚Android enthält Linux, aber nicht GNU‘; damit sind Android und GNU/Linux grundsätzlich verschieden.

Innerhalb von Android ist der Betriebssystemkern Linux weiterhin ein separates Programm, dessen Quellcode unter GNU GPLv2 lizenziert ist. Die Kombination von Linux mit unter Apache 2.0 lizenzierten Quellcode würde eine Urheberrechtsverletzung darstellen, da GNU GPLv2 und Apache 2.0 unvereinbar sind. Gerüchte, Google hätte Linux irgendwie in die Apache-Lizenz umgewandelt, sind falsch. Google ist nicht befugt die Lizenz des Quellcodes von Linux zu ändern ‑ und versuchte es nicht. Würden die Autoren von Linux die Nutzung unter GNU GPLv3, erlauben, könnte dieser Quellcode mit Apache-lizenzierten Quellcode zusammengeführt und mit der Kombination unter GNU GPLv3 freigegeben werden. Aber Linux ist nicht auf diese Weise freigegeben worden.

Google hat die Anforderungen der GNU General Public License für Linux erfüllt, die Apache-Lizenz erfordert für den Rest von Android jedoch keine Freigabe des Quellcodes. Google teilte mit, sie würden den Quellcode von Android 3.0 niemals veröffentlichen (abgesehen von Linux). Der Quellcode von Android 3.1 wurde ebenfalls zurückgehalten und machte Android 3.x, abgesehen von Linux, schlicht und einfach zu unfreie Software.

Google verweigerte dies mit der Begründung, der 3.0-Quellcode sei fehlerhaft und Nutzer sollten auf die nächste Freigabe warten. Das mag ein guter Rat für Menschen sein, die das Android-System einfach nur nutzen wollen ‑ dies sollten Nutzer aber selbst entscheiden können. Wie auch immer könnten Entwickler und Tüftler einige der Änderungen in ihren eigenen Versionen einfügen wollen, um diesen Quellcode schön werden zu lassen.

Glücklicherweise gab Google den Quellcode für Android 3.* später frei, als Version 4 (auch mit Quellcode) freigegeben wurde. Das oben erwähnte Problem erwies sich eher als eine vorübergehende Anomalie, anstatt einem Kurswechsel. Was allerdings einmal geschehen ist, kann wieder geschehen.

Auf alle Fälle wurde der Großteil des Quellcodes von verschiedenen Android-Versionen als Freie Software freigegeben. Heißt das, dass Produkte mit diesen Android-Versionen die Freiheit der Nutzer respektieren? Nein, aus mehreren Gründen nicht.

Zuallererst enthalten die meisten unfreie Google-Anwendungen zur Kommunikation mit Diensten wie YouTube und Google Maps. Diese sind offiziell nicht Teil von Android, aber das heißt noch lange nicht, dass es das Produkt in Ordnung macht. Viele der verfügbaren freien Anwendungen für frühere Android-Versionen sind durch unfreie Anwendungen ersetzt worden; 2013er Android-Modelle stellen keine Möglichkeit zum Anzeigen von Fotos außer durch eine unfreie Google Plus-App bereit.

Die meisten Android-Geräte enthalten die unfreie Google Play-Software (vormals Android Market) vorinstalliert. Diese Software lädt Nutzer mit einem Google-Konto dazu ein, unfreie Anwendungssoftware zu installieren. Ebenso ist eine Hintertür vorhanden, mit der Google Anwendungssoftware zwangsweise installieren oder deinstallieren kann. Diese ist offiziell nicht Teil von Android, aber das macht es irgendwie nicht minder übel.

Man will die von Google Play angebotene unfreie Anwendungssoftware nicht, wenn man Freiheit schätzt. Und um freie Android-Anwendungssoftware zu installieren, braucht man kein Google Play, weil man sie von F-Droid.org bekommen kann.

Android-Produkte sind auch mit unfreien Bibliotheken vorinstalliert. Diese sind offiziell nicht Teil von Android, sondern sind Bestandteil jeder echten Android-Installation, da verschiedene Android-Funktionen von ihnen abhängig sind.

Sogar die Programme, die offiziell Teil von Android sind, entsprechen möglicherweise nicht dem von Google freigegebenen Quellcode. Hersteller können diesen Quellcode ändern, und häufig geben sie nicht den Quellcode ihrer Versionen frei. Die GNU GPL verlangt, sofern befolgt, dass sie den Quellcode ihrer Versionen von Linux verbreiten. Der Rest des Quellcodes, unter laxer Apache-Lizenz, verlangt nicht, dass sie die Version des tatsächlich genutzten Quellcodes freigaben.

Ein Benutzer entdeckte, dass viele der Programme im Android-System, die bereits auf seinem Smartphone vorinstalliert waren, modifiziert wurden, um personenbezogene Daten an Motorola zu übermitteln. Einige Hersteller fügen sogar ein im Hintergrund aktives Überwachungspaket wie Carrier IQ[1] hinzu.

Replicant ist eine freie Version von Android. Die Entwickler von Replicant ersetzten viele unfreie Biblotheken für bestimmte Smartphones und man kann sie ohne die unfreien Anwendungen nutzen. Im Gegensatz dazu ist Cyanogen Mod (eine weitere modifizierte Version von Android) unfrei.

Einige Gerätemodelle sind „Tyrannen“: sie sind so konzipiert, damit Nutzer keine eigene modifizierte Software installieren und ausführen können ‑ nur die von einigen Unternehmen genehmigten Versionen. In einem solchen Fall sind die ausführbaren Dateien unfrei, auch wenn sie aus Quellcodes entwickelt wurden, die frei und zugänglich sind. Jedoch können einige Android-Geräte gerootet werden, damit Nutzer unterschiedliche Software installieren können.

Wichtige Firmware oder Treiber sind ebenfalls generell proprietär. Dies umfasst das Telefonfunknetz, WLAN, Bluetooth, GPS, 3D-Grafiken, die Kamera, den Lautsprecher und in machen Fällen auch das Mikrofon. Bei einigen Modellen sind wenige dieser Treiber frei und es gibt einige, bei denen es auch ohne geht ‑ aber man kann nicht ohne Mikrofon oder Telefonfunknetz auskommen.

Die Telefonnetzfirmware ist vorinstalliert. Wenn sie dort nur präsent und mit dem Telefonnetz kommunizieren würde wenn man es wünscht, könnte sie als Äquivalent zu einem Schaltkreis betrachtet werden. Wenn wir darauf bestehen, dass Software in einem EDV-Gerät frei sein muss, können wir vorinstallierte Firmware, die nie aktualisiert wird, übersehen, weil es für den Nutzer keinen Unterschied macht, ob es ein Programm oder ein Schaltkreis ist.

Leider wäre es in diesem Fall ein bösartiger Schaltkreis. Bösartige Funktionen sind nicht akzeptabel, egal wie sie umgesetzt werden.

Bei den meisten Android-Geräten hat diese Firmware so viel Kontrolle, dass sie das Produkt in ein Abhörgerät verwandeln könnte. Auf einigen steuert sie das Mikrofon. Bei einigen kann sie durch den gemeinsam genutzten Speicher die vollständige Kontrolle des Hauptrechners übernehmen und so beliebig installierte Freie Software überschreiben oder ersetzen. Mit einigen, möglicherweise allen, Modellen ist eine Fernsteuerung dieser Firmware möglich, um den Rest der Software im Telefon zu überschreiben. Der Punkt freier Software ist, dass wir die Kontrolle über unsere Software und unsere Datenverarbeitung haben. Ein System mit einer Hintertür qualifiziert sich nicht. Während jedes Rechnersystem Programmfehler ‚Bugs‘ HABEN könnte, können diese Geräte tatsächlich Wanzen ‚Bugs‘ SEIN (Craig Murray bezieht sich in Murder in Samarkand auf seine Beteiligung an einer geheimdienstlichen Maßnahme, in der per Fernzugriff ein Nicht-Android Mobiltelefon eines ahnungslosen Ziels in ein Abhörgerät umgewandelt wurde).

In jedem Fall ist die Telefonnetzfirmware in einem Android-Gerät nicht äquivalent zu einem Schaltkreis, da die Hardware die Installation neuer Versionen erlaubt und auch praktiziert wird. Da es sich um proprietäre Firmware handelt, kann praktisch nur der Hersteller neue Versionen installieren ‑ Nutzer nicht.

Trägt man diese Punkte zusammen, könnte man unfreie Telefonnetzfirmware tolerieren, sofern nicht neue Firmware-Versionen heruntergeladen werden, nicht die Steuerung des Hauptrechners übernommen und nur kommunizieren werden kann, wann und wie das freie Betriebssystem die Kommunikation zulässt. Mit anderen Worten muss es ein äquivalenter Schaltkreis sein, der nicht böswillig sein darf. Technisch gibt es kein Hindernis, ein Android-Telefon mit diesen Merkmalen herzustellen, aber uns ist keins bekannt.

Android ist kein Self-Hosting-System[*]; die Entwicklung für Android muss auf irgendeinem anderen System erfolgen. die Hilfsprogramme in Googles „Software Development Kit“ (SDK) scheinen frei zu sein, aber dies zu überprüfen ist harte Arbeit. Die Definitionsdateien für bestimmte Google-APIs sind unfrei. Die Installation des SDKs erfordert die Unterzeichnung einer proprietären Softwarelizenz, die Nutzer ablehnen sollten zu unterzeichnen. Das SDK von Replicant ist ein freier Ersatz.

Aktuelle Presseberichte über Android konzentrieren sich auf die Patentkriege. In den 20 Jahren der Bekämpfung und Abschaffung von Softwarepatenten warnten wir vor solchen Kriegen. Softwarepatente könnten die Beseitigung von Android-Funktionen erzwingen oder sogar unverfügbar machen. Weitere Informationen, warum Softwarepatente abgeschafft werden müssen, finden Sie unter endsoftpatents.org.

Allerdings sind die Patentattacken und Googles Stellungnahmen für das Thema diese Artikels nicht direkt relevant: wie sich Android-Produkte teilweise einem ethischen Vertriebssystems nähern und verfehlen. Dieses Problem verdient ebenfalls die Aufmerksamkeit der Presse.

Android ist ein wichtiger Schritt in Richtung eines ethischen, benutzerkontrollierten, Freie-Software-Mobiltelefons, aber es ist noch ein langer Weg. Hacker[**] arbeiten zwar an Replicant, aber ein neues Telefonmodell zu unterstützen ist eine große Aufgabe, und das Problem mit der Firmware bleibt nach wie vor. Obwohl heutige Android-Telefone erheblich weniger schlecht als Apple- oder Windows-Smartphones sind, kann nicht gesagt werden, dass sie die Freiheit der Nutzer respektieren.

Anmerkungen des Übersetzungsteams:

  1. [*]  Kein komplettes System, das im Wesentlichen alle zum Betrieb notwendigen Komponenten umfasst.
  2. [**] Siehe auch weitere Informationen zum Begriff Hacker.

Weiterführende Referenzen:

  1. [1] Siehe auch: heise mobil, Carrier IQ: Der Spion, der mit dem Smartphone kam? (2011), unter: heise.de.

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